Die Gewalt des Raumes

Gordon Matta-Clark war 1976 eingeladen sich an der Ausstellung Idea as Model im Institut für Architektur und Städtebau, New York, zu beteiligen. Einen Tag vor Eröffnung zerschoss er sämtliche Fenster der Ausstellungshalle mit einem Luftgewehr. In die Löcher hängte er Fotos von Häusern in der South Bronx, deren Fenster von den Bewohnern zerschlagen wurden. Window Blow-Out wurde zensiert, die Fensterscheiben ersetzt. Der Akt der Zerstörung richtete sich gegen die Institution, die sich „hinter der Maske ihrer angeblichen Reinheit versteckt, um ihre Abhänigkeit von den bestehenden sozioökonomischen Verhältnissen und die ihr zugrundeliegende Ideologie zu verschleiern (Matta-Clark).“
Die Radikalität der Handlung, die natürlich auch in dem damaligen Zeitgeist verwurzelt liegt, ist in dieser Form in der zeitgenössischen Kunst undenkbar geworden. Selbst subversive künstlerische Handlungen spielen sich im Rahmen der Gesetze ab. Die Diskussion um die Architektur mit ihrer symbolishen Dominanz findet nicht mehr statt. Baukunst ist legitimer Bestandteil der Lehre der freien Kunst. Das Angewante, das Design, dessen Erwähnung im Kontext einer künstlerischen Arbeit als schlimmste Beschimfung unter Künstlern gilt, spielt in der Diskussion um Architektur keine Rolle. Kunst, das Spiel mit der Wahrnehmung, ignoriert zu weiten Teilen urbane Realität.
Aus soziologischer Sicht bedeutet Architektur den in seiner Dreidimensionalität veränderten Teil räumlicher Umwelt der darauf angelegt ist, mit dem gesellschaftlichen Leben verbundene Funktionen wahrzunehmen. Gesellschaft wird, abstrakt und minimal, durch zwei Niveaus bestimmt. Sie weist immer eine Struktur auf, eine Ordnung, und menschliches Verhalten wird immer durch Werte und Normen, sprich einer Kultur geregelt. So teilt sie auch die Architektur in eine strukturelle und eine kulturelle Ebene auf. Strukturell ist sie das Ergebniss unterschiedlicher sozialer Positionen gesellschaftlicher Akteure. Kulturell stellt sie eine Art Gedächtnis dar, mit dessen Hilfe gesellschaftliche Werte und damit Identität über architektonische Symbole geschaffen, aufrecht erhalten und verbreitet werden. Architektur ist einerseits Ergebnis ökonimischer Umstände, und andererseits symbolisiert sie Ideologie, wobei beides nicht voneinander zu trennen ist. Raum ist die physische Umwelt, die wiederum Strukturierungselement sozialer Organisation ist. Die Wahrnehmung und der Umgang mit der objektiven Wirklichkeit des physischen Raumes ist immer sozial vermittelt. Es gibt keinen „Raum an sich“ sondern nur Räume mit mehr oder weniger Bedeutung. Diese Bedeutungen sind keine Eigenschaften der materiellen Seite des Raumes. Sie bestimmen den Raum, da er in sozialen Abläufen produziert und seine Wahrnehmung in sozialen Prozessen erlernt wird. Physischer Raum existiert nur interpretiert. Nur in unser Wahrnehmung, welche ihrerseits vorgeformt und vermittelt stattfindet. Physischer Raum vermittelt in seiner Symbolfunktion über Gebrauchswerte hinaus Bedeutungen, Werte und Sinninhalte. Identität und Integration einer Gesellschaft erfolgt auch über die Organisation des Raumes und damit über die Prägung räumlicher Identifikation. So wird Architektur zur materialisirten Form gesellschaftlicher Verhältnisse. Sie ist das gegenständliche Erscheinungsbild und die Zustandsform des räumlich-materiellen Energieaufwandes der Gesellschaft zwecks Zusammenlebens.
Zeitgenössische Architektur ist in erster Linie funktional. Sie ist eine Homage an die Gradlinigkeit, Symbol der physikatischen Gesetze. Sie ist Beweis der technischen Möglichkeiten, die sich der Mensch im Laufe der Zeit geschaffen hat und sie ist Ausdruck eines technoiden Weltbildes. Sie ist Ausdruck der Fähigkeit des Menschen auf unterstem Niveau logisch zu abstrahieren. Der Präsenz mehtstöckiger Gebäude würden asthetische Veränderungen das Kolosale und den Ausdruck der Macht nehmen. Die Fenster, gereiht und gestapelt, bis ein Feld rechteckiger Formen auf den Betrachter wirkt. Ein Motiv symbolischer Macht.
Wahrnehmungsprozesse haben die Tendenz zur Gruppierung in denen Gleiches zusammengefasst ist. Reihen von Punkten werden so erlebt, das keine Einzelglieder wahrgenommen werden. Wahrgenommene Form und wahrgenommene Größe von Gegenständen hängen davon ab, welche Strukturierung das verfügbare Reizmuster des Betrachters erfährt und welche Rolle die betreffenden Gegenstände innerhalb dieser Gesamtstruktur einnehmen. Das unregelmäßige Viereck, das ein rechtwinkliger Gegenstand durch Verzug der Perspektive auf die Netzhaut wirft kann nur dann zur Wahrnehmung einer rechteckigen Fläche führen, wenn ihm eine bestimmte räumliche Lage innerhalb der gesamten Wahrnehmungsszenerie zugewiesen wird. Im urbanen Umfeld bedeutet das, das ein unregelmäßiges Viereck immer mit anderen unregelmäßigen Vierecken korrespondiert. Seien es andere viereckige Gegenstände in der Umgebung oder sei es der architektonische Raum selbst, in dem sich, Vierecke innerhalb anderer Vierecke befinden.
In erster Linie ist Architektur ein System parallel laufender Linien, wobei Vertikal- und Horizontallinien zumeist im rechten Winkel zueinanderstehen. In dem rechtwinkeligen Räumen befinden sich wiederum eine Unmenge an rechtwinkligen Gegenständen.
Die Architektur ist eine Hymne an das Rechteck. Das Rechteck ist die menschlichste Form überhaupt. Ein Produkt, das dem Schauspiel der Natur permanent widerspricht.
Ohne es wirklich wahrzunehmen befinden wir uns in rechtwinkliger paralleler Realität. Wir leben innerhalb mathematischer Prinzipien. Das vom Menschen gemachte Lebensumfeld ist Bühnenbild der Mathematik. Kein anderes Bild verdeutlicht das besser als Jesus, an das Kreuz genagelt.
Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau sagte Walter Gropius. Die Baukunst zeigt am eindeutigsten die Verbindung von Kunst und Gesellschaft. Jedes bildnerische Produkt steht im Kontext zu dem Raum in dem es gezeigt wird. Zu seinen Proportionen und zu seinem sozialem Gehalt. In diesem Sinne wird künstlerisches Handeln das den direkten Bezug zur Gesellschaft leugnet und als Zweck zur Selbstverwirklichung verstanden wird fragwürdig und die Freiheit der Kunst zur Utopie. Gordon Matta-Clark begegnete demmateriellen Erscheinugsbild der Gesellschaft mit Gewalt gegen das Material. Die Bilder die er erzeugte vermitteln ein Gefühl direkter Bedrohung. Kritik an der Architektur, an direkten Lebensumständen, wird zu Kritik an der alles bejahenden Gemeinschaft . Fortschritt ist die Visualisierung von Utopien. Utopiekontrolle liegt in der Hand des Kapitals, wird bestimmt durch ökonomische Möglichkeiten, durch wirtschaftliche Interessen oder politischen Wunsch.
Die demokratische Gesellschaft braucht Kunst, weil sie Rebellion braucht, um das Bild des freiheitlichen Staates aufrechtzuerhalten. Kontrolierbare Rebellion. Die Gesellschaftsform, die dem Menschen am Besten individuelle Entfaltung suggeriert, funktioniert am effektivsten. Durch staatlich geförderte Institutionen ist Politik und Gesellschaft in der Lage kulturelles Geschehen zu kontrollieren. Den Rest erledigt der Kunstmarkt, sprich das Kapital, das ohnehin die Motivationsquelle jeglicher demokratischer, kapitalistischer Gesellschaft ist. Wiedersetzt man sich den Regeln, Im Falle von Matta-Clark, den Regeln der Institutionen, wird entweder Zensur angewant, oder es wird ignoriert. In diesem Sinne zum Schluss ein Zitat von Jean Dubuffet.

Wo die Kultur ihre pompösen Podien aufschlägt, wo es Preise und Lorbeer regnet, da sollte man schleinigst das Feld räumen: die Aussichten dort auf Kunst zu treffen sind minimal. Und sollte sie jemals dort gewesen sein, hat sie sich schleinigst in ein besseres Klima verzogen. Sie kann nähmlich die Luft der kollektiven Zustimmung nicht vertragen. Selbstverständlich ist die Kunst ihrem Wesen nach verwerflich! und überflüssig! und asozial, subversiv, gefährlich! Und wenn sie das nicht ist, dann ist sie weiter nichts als Falschgeld...